
Von Dennis Knake
OPEN ACCESS STUDIE 2026 und ANGACOM 2026
Dr. Karsten Wildberger, Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung sagte es am Dienstagmorgen in seiner Keynote zur Eröffnung der ANGA COM in Köln so klar, wie selten ein (Unions)politiker: „20 Jahre lang hat Deutschland bei den großen technologischen Umbrüchen vor allem zugesehen. Die Plattformen wurden woanders gebaut, die Standards woanders gesetzt." Spätestens jetzt wird klar, was auf dem Spiel steht. Deutschland muss sich modernisieren. Dringend. Ein wichtiger Baustein: Die flächendeckende Glasfaserversorgung.
Für Plusnet startete die ANGA-Woche mit der Vorstellung der neuen Open Access Studie auf dem Open Access Summit am Vorabend der Digitalmesse:
Die Managementberatung Böcker Ziemen, 2001 vom Bonner Hochschulprofessor Dr. Jens Böcker und Dr.-Ing. Werner Ziemen gegründet, zählt zu den führenden Branchenexperten in der Telekommunikationsindustrie im deutschsprachigen Raum. Einmal im Jahr vermisst das Unternehmen mit einer Studie den aktuellen Stand des Open Access Marktes in Deutschland. Plusnet war in diesem Jahr Hauptsponsor der Studie.

Sebastian Burek (l.) und Jens Böcker stellten die Ergebnisse der Open Access Studie am Vorabend der ANGA COM im Kölner Harbour Club exklusiv vor. Foto: Dennis Knake/Plusnet.
Sebastian Burek, Associate Partner bei Böcker Ziemen, fasste die ersten Erkenntnisse aus der Befragung so zusammen: Der Markt ist gereift, aber er skaliert noch nicht.
Mindestens 20 Prozent der Glasfaseranschlüsse werden heute über Open-Access-Kooperationen realisiert – die Prognose aus dem Vorjahr hat sich bestätigt. Für 2030 zeichnet die Studie einen Korridor von 32 bis 42 Prozent. Im Vorjahr war noch ein punktgenauer Zielwert von 38 Prozent formuliert worden. Dass daraus ein Korridor geworden ist, sagt einiges: Die Richtung ist klar, die Geschwindigkeit ist es nicht.
Die eigentliche Nachricht steckt aber nicht in den Prozentzahlen. Sie steckt in einem Befund, der auf der Veranstaltung im Kölner Harbour Club offen ausgesprochen wurde: Nur 10 bis 20 Prozent der Stadtwerke sind heute wirklich Open-Access-fähig. Viele haben das Thema Wholesale schlicht nicht von Anfang an einkalkuliert. Sie haben Glasfaser gebaut – und dann festgestellt, dass sie nicht wissen, wie sie es vermarkten sollen. Reife und unreife Akteure treffen aufeinander, Prozesse passen nicht zusammen, und der erhoffte Skalierungseffekt bleibt aus.
Die häufigste Bremse sind dabei nicht gescheiterte Verhandlungen, die kommen laut Studie nur noch selten vor. Es sind Verzögerungen. 73 Prozent der Befragten nennen das Preisniveau als häufigsten Grund dafür. Dahinter folgen Prozesse und IT-Schnittstellen – nicht fehlende Standards, sondern deren uneinheitliche Umsetzung. Standards auf dem Papier, so ein zentrales Studienergebnis, reichen nicht aus. Die Umsetzung ist das Problem.
Was den Markt wirklich zum Laufen bringt, ist dagegen eindeutig: Die Hälfte der Befragten nennt als wichtigsten Hebel schlicht die Endkundennachfrage. Wenn die Nachfrage da ist, folgt alles andere. Eine Erkenntnis, die simpel klingt – und trotzdem im Tagesgeschäft zu oft aus dem Blick gerät.

Die geladenen Glafaserunternehmen waren sich einig: Die meisten wollen Open Access, nicht alle können es. Hier müssen Implementierungshelfer ran. Foto: Dennis Knake/Plusnet
Im ersten Panel des Vorabends brachte Benjamin Grimm, Director Wholesale bei Deutsche Giganetz, die Marktlage auf drei Worte: Wollen, können, machen. Das Wollen sei inzwischen weitgehend vorhanden. Das Können noch lückenhaft. Und das Machen – im großen Maßstab, automatisiert, verlässlich – stehe noch aus.
Dabei ist die Rechnung, warum Open Access keine Option, sondern eine Notwendigkeit ist, längst aufgegangen. Kein Businessplan im Glasfaserbereich setzt unter 70 Prozent Netzauslastung an. Der größte Festnetzanbieter im deutschen Markt kommt selbst auf rund 40 Prozent Endkundenmarktanteil. Wer glaubt, das Doppelte allein mit der eigenen Marke zu erreichen, rechnet sich etwas vor.
Markus Agel, Director Carrier Management und Roaming, von Telefónica machte die Plattformfrage zur Rechenaufgabe: Bei 250 Netzbetreibern bundesweit und einem Onboarding-Aufwand von mindestens drei Monaten pro Partner bräuchte Telefónica allein über 60 Jahre, um alle bilateral anzubinden. Die Schlussfolgerung ist unausweichlich: Ohne skalierbare Plattformen wird Open Access in der Fläche nicht funktionieren.
Jürgen Rohr, Executive Director Carrier Management bei Plusnet, saß im zweiten Panel des Abends – zur konkreten Implementierung – und brachte das Plusnet-Modell auf den Punkt: „Wer sich an die Netbridge anbindet, spart Zeit und Geld." Das gilt besonders für kleinere Netzbetreiber, denen die Einstiegshürde zu hoch ist: Plusnet geht beim Hochlauf gemeinsam ins Risiko und federt die Anfangskosten ab. Schonendes Onboarding statt großem Investitionsschock.
Parallel zur ANGA COM gab Plusnet die Anbindung der NetCom BW an die Netbridge bekannt. Erst wenige Wochen zuvor, wurde das Baden-Württembergische Glasfaserunternehmen Stiegeler angeschlossen, spezialisiert für die Breitbandversorgung im ländlichen Bereich. All das ist ein konkreter Beleg dafür, dass das Modell funktioniert.
Die NetCom BW ist in rund 40 Prozent der Kommunen Baden-Württembergs aktiv, betreibt ein Glasfasernetz von rund 28.000 Kilometern. Ab der zweiten Jahreshälfte können Carrier, ISPs und Reseller über die Netbridge Glasfaseranschlüsse im NetCom-BW-Netz vermarkten. In der begleitenden Pressemitteilung zur Partnerschaft kommentierte Rohr: „Mit NetCom BW integrieren wir ein weiteres leistungsfähiges regionales Netz auf der Netbridge und schaffen neue, attraktive Vermarktungsmöglichkeiten über alle gängigen Modelle. Damit praktizieren wir Open Access, um mehr Angebot für Privat- wie Geschäftskunden zu schaffen und Business-Modelle zu stärken."

Auf dem Implementierungspanel diskutierten die Umsetzer. Einen Blick über den Tellerrand nach Schweden bot Anders Hellermark (3.v.r.), Senior Vice President der digpro GmbH. Foto: Dennis Knake/Plusnet
Auf der ANGA COM selbst – der Plusnet Stand in Halle 8 war gut besucht, Kaffee vom Barista, am zweiten Tag frische Pizza – war das Interesse am Thema Open Access nicht zu übersehen. Nirgends deutlicher als beim Panel „Open Access – Best Practice, Potenziale und Innovationen", an dem Ulrich Hoffmann neben Vertretern von Vodafone, vitroconnect und VX Fiber teilnahm.
Hoffmann griff in seinem Einstieg eine Formulierung aus der Wildberger-Keynote auf – allerdings mit einer bewussten Verschiebung. Wildberger hatte über digitale Plattformen gesprochen: Software, Cloud, KI-Ökosysteme – die großen Infrastrukturen der Datenwirtschaft, die in den letzten 20 Jahren woanders entstanden sind. Hoffmann übersetzte das auf Open Access: „Bundesminister Wildberger hat heute Morgen gesagt, Deutschland hat 20 Jahre zugesehen, wie Plattformen gebaut wurden. Ich kann sagen: Wir bauen jetzt Plattformen. Aber ich glaube, wir müssen noch besser verstehen, was Plattform eigentlich bedeutet."

Auch auf der ANGA COM war das Thema Open Access wieder im Fokus. Hier diskutierte Plusnet CEO Ulrich Hoffmann (2.v.l) mit den Kollegen von Vodafone, vitroconnect und VX Fiber. Moderiert von Lisa Hönisch. Foto: Dennis Knake/Plusnet
Gemeint war damit nicht die digitale Wirtschaft im Allgemeinen, sondern der Open-Access-Markt im Besonderen. Denn auch hier gilt: Plattform bedeutet nicht, dass jeder bilateral Verträge schließt und Schnittstellen anbindet. Es bedeutet eine zentrale Instanz, über die sich Verträge, Preise und SLAs standardisieren und für alle zugänglich machen lassen. Das Ziel: zwei bis drei Plattformen im deutschen Markt, die großen Nachfragern einen einzigen Anknüpfungspunkt bieten, statt 200 bilateraler Projekte. „Da haben dann alle was davon."
Standardisierung, so Hoffmann, darf dabei nicht auf die technische Schnittstelle verengt werden. Ein Stadtwerk könne keine 400-seitigen Verträge stemmen – genau so wenig wie es individuelle IT-Stacks bauen kann. Einheitliche Preismodelle, klare SLAs, einfache Vertragsgestaltung: Das ist der eigentliche Maschinenraum, der noch gebaut werden muss.
Sven Müller von Vodafone benannte den größten operativen Schmerzpunkt aus Sicht eines Wholebuyers: die Zeit zwischen Kundenzusage und funktionierendem Anschluss in der Wohnung. Zwei bis 24 Monate – das ist die tatsächliche Spanne. Ein katastrophales Kundenerlebnis, das Absprünge produziert und den Open-Access-Gedanken unter Druck setzt. Vodafone prüft potenzielle Partner nach drei Kriterien: Footprint-Attraktivität, kommerzielle Konditionen, finanzielle Stabilität. Wer auf allen drei Feldern überzeugt, bekommt Priorität.
Einen kritischen Blick von außen brachte Dr. Jürgen Raith von VX Fiber ein. Seine These: Deutschland hat sich durch die Orientierung an den Wholesale-Profilen und Preisen der Telekom in eine Innovationsfalle manövriert. Glasfaser wird wie altes Kupfer vermarktet, mit denselben Profilen, denselben Preisschwellen, denselben Servicegrenzen. In anderen Märkten, etwa Österreich, entstehen bereits Modelle, in denen Glasfaser echte Servicedifferenzierung ermöglicht: Gesundheitsdienstleistungen, dedizierte Geschäftskundenprofile, Echtzeit-Anwendungen. Technisch ist das möglich. Der Mut dazu fehle hierzulande noch.

Digitalminister Dr. Karsten Wildberger (l.) im Gespräch mit VATM Geschäftsführer Dr. Frederic Ufer auf der ANGA COM 2026. Foto: Dennis Knake/Plusnet
Wildberger hat am Dienstag ein Bild entworfen, das er „Zielbild 2029" nennt: ein Deutschland, in dem Dinge funktionieren, in dem Versprechen eingehalten werden, in dem aus Resignation Aufbruch wird. Die Branche, die ihm zuhörte, weiß, was das für sie bedeutet: 75 Prozent Glasfaserversorgung bis Ende der Legislaturperiode, ein MOU mit messbaren KPIs, eine TKG-Novelle, die Beschleunigung in Recht gießt.
Das klingt nach Politik. Aber der eigentliche Engpass ist operativ. Er liegt in den Prozessen, den Schnittstellen, den Onboarding-Zeiten, den Stadtwerken, die noch nicht ready sind. Und in der Frage, ob der Markt schnell genug lernt, gemeinsam zu skalieren – statt weiter bilateral zu verhandeln.
Ulrich Hoffmann brachte es im Panel auf einen Satz, der nach zwei Tagen Diskussion wie eine Zusammenfassung wirkt: „Es geht jetzt nicht mehr um das Ob, sondern um das Wie und vor allem: Wie schnell. Geschwindigkeit ist das Entscheidende."
Die Netbridge und die neuen Partnerschaft sind Plusnets Antwort darauf. Weitere werden folgen.