
Von Dennis Knake
VATM Business X-Change

Am 9. Juni 2026 öffnete das Senckenberg Naturmuseum in Frankfurt seinen historischen Festsaal im Jügelhaus für ein neues Format: den ersten VATM Business X-Change des Verbands der Anbieter im Digital- und Telekommunikationsmarkt (VATM). Das Konzept ist bewusst anders geschnitten als klassische Branchenkonferenzen. Im Mittelpunkt stehen nicht Regulierungsfragen, sondern die konkreten Anforderungen der Wirtschaft an digitale Infrastruktur – Business-Konnektivität, KI, Quantencomputing, Resilienz.
Entscheider aus Unternehmen, Telekommunikationsbranche und Politik kamen zusammen; am Vorabend bereits beim Netzwerk-Get-Together am selben Ort.
Plusnet war als Co-Sponsor mit zwei Programmslots vertreten und nutzte das Format, um zu zeigen, was das Bekenntnis zu Open Access in der Praxis bedeutet – sowohl durch einen eigenen Impulsvortrag als auch durch den Auftritt des langjährigen Reseller-Partners byon GmbH.

Prof. Dr. Kristina Sinemus, Hessische Ministerin für Digitalisierung und Innovation bei ihrer Eröffnungs- Keynote. Foto: Eda Temucin/VATM
Prof. Dr. Kristina Sinemus, Hessische Ministerin für Digitalisierung und Innovation, eröffnete den inhaltlichen Teil. Ihre Kernbotschaft war eindeutig: Digitale Zukunft entsteht nur gemeinsam mit der Wirtschaft – und leistungsfähige Netze sind dafür keine Option, sondern Grundvoraussetzung. Für Unternehmen, ob im Maschinenbau, im Handwerk oder in der Immobilienwirtschaft, geht es bei der digitalen Transformation nicht um Komfort, sondern um Wettbewerbsfähigkeit. Das Prinzip „Markt vor Staat" – im hessischen wie im Bundeskoalitionsvertrag verankert – sei dabei das richtige Fundament: Wettbewerb und vollständige Glasfasermigration als gemeinsames Ziel.

Markus Michael, Geschäftsführer der byon GmbH (r.) mit IT-Experte Michael Voss stellen das Gewobag Projekt vor. Foto: Dennis Knake/Plusnet
Bevor Plusnet selbst auf die Bühne trat, lieferte der Reseller-Partner byon GmbH den ersten Praxisimpuls. Markus Michael, Geschäftsführer von byon, und Michael Voss, IT-Experte für die Berliner Wohnungsbaugesellschaft Gewobag, berichteten gemeinsam aus einem laufenden Projekt und zeigten damit exemplarisch, was auch das Plusnet-Ökosystem in der Fläche ermöglicht.
byon ist seit mehr als 30 Jahren als Managed Service Provider im TK- und IT-Bereich tätig. Das Modell: auf die Infrastruktur verschiedener Carrier zugreifen, als Managed Service veredeln und weiterentwickeln – als Plusnet-Reseller, aber mit eigener Beratungs- und Integrationskompetenz. Die Gewobag, eines der führenden Wohnungsunternehmen Deutschlands mit rund 70.000 Wohnungen und 700 Mitarbeitern am Berliner Hauptstandort, bezog ihre gesamte Telekommunikation zuvor über einen einzigen Carrier. Die Folge: fehlende Ausfallsicherheit und kein differenzierter Service für verschiedene Standortanforderungen.
byon richtete 45 Gewobag-Standorte – die Anlaufpunkte für Mieterinnen und Mieter – mit je mindestens zwei unabhängigen Anbindungstechnologien aus: Glasfaser, VDSL oder LTE/5G, je nach Standortkategorie. In die Carrier-Kombination fließen mehrere Anbieter ein, darunter auch Plusnet. Michael Voss' Fazit auf der Bühne war klar: Kein Carrier kann alles optimal abdecken – wer wirklich liefern will, kombiniert.
Das Herzstück des Projekts war die darauf aufbauende Kommunikationslogik: ein intelligentes Anrufmanagementsystem für die Gewobag-Hauswarte, das über eine SAP-Integration Mieter- und Lieferantendaten in Echtzeit bereitstellt und eine automatisierte Personaleinsatzplanung direkt mit der Hotline koppelt. Telefoniert wird auf Basis von Microsoft Teams mit Smart-Call-Routing; erste Voicebot-Piloten für standardisierte Mieteranfragen sind bereits im Aufbau.

Markus Schumann, Executive Director Technology & Development bei Plusnet referiert über den aktuellen Stand des Telekommunikationsmarktes, und vor welchen Herausforderungen Anbieter als auch Nachfrager aktuell stehen. Foto: Eda Temucin/VATM
Markus Schumann, Executive Director Technology & Development bei Plusnet, trat mit einem Präsentationstitel an, der es in sich hatte: „Glasfaser ist bunt, der Markt noch nicht – Warum Wettbewerb die Gigabit-Zukunft entscheidet." Was wie eine ästhetische Aussage klingt, ist aber eine präzise Marktdiagnose: Glasfasernetze entstehen in Deutschland von vielen verschiedenen Anbietern. Die Farbenvielfalt der Glasfasern steht symbolisch für die Anbieterdiversität, die auf diesen Netzen eigentlich möglich wäre. Der tatsächliche Wettbewerb auf der Vorleistungsschicht – die reale Wahlfreiheit für Kunden und Reseller – ist aber noch nicht dort angekommen.
Schumann sprach offen über die Drucklage der Branche: Investitionen laufen, Business Cases sind ambitioniert, aber Take-up-Raten und Netzpenetration entwickeln sich langsamer als erwartet. Die entscheidende Frage dahinter ist keine technische: Wenn es im Privatkundensegment nicht gelingt, den Anbieterwechsel auf Glasfaser zur Normalität zu machen, wie soll das erst im deutlich komplexeren B2B-Umfeld funktionieren, wo Kunden überregional Glasfaser und Connectivity benötigen?
Sein Gegenmittel ist Open Access, konsequent umgesetzt, nicht als Absichtserklärung. Die Plusnet bündelt über ihre bundesweite Handelsplattform Netbridge die Vorleistungen verschiedener Netzbetreiber, normalisiert unterschiedliche technische Schnittstellen und stellt das Ergebnis Resellern und Partnern zur Verfügung. Das Ziel: Aus jeder Netzwerkanschlussdose soll maximaler Wettbewerb entstehen – verschiedene Marken und Anbieter, zwischen denen Kunden tatsächlich wählen können. Höhere Penetration auf den Netzen verbessert dabei die Wirtschaftlichkeit der Infrastrukturinvestments für alle Beteiligten.

Dabei beschönigte Schumann den Aufwand nicht. Die Integration von inzwischen mehr als 300 ausbauenden Netzbetreibern in verlässliche B2B-Produkte ist ein Kraftakt: Viele Glasfasernetze wurden für B2C-Anforderungen gebaut: 8×5-Support genügt für Geschäftskunden nicht. Die Antwort liegt in gemeinsamen Standards, funktionierenden Prozessschnittstellen und in einer zentralisierten Lösung, die B2C-fokussierte Netzbetreiber in ernstzunehmende B2B-Produkte hebt. Und Kupfer, das stellte er klar, muss langfristig weg, wird aber noch lange bleiben. Wer Kunden nicht im Stich lassen will, muss Brückentechnologien wie VDSL weiter mitdenken.
In der Diskussion mit VATM-Geschäftsführer Dr. Frederic Ufer wurde das Bild vollständiger: Die Normalisierung heterogener Netze und die Entwicklung verlässlicher B2B-Produkte auf alternativen Infrastrukturen ist keine abgeschlossene Aufgabe. Eine, die kein Unternehmen allein löst, weshalb Schumann das Format selbst als wichtig einstufte: mehr Ökosystem aufbauen, gemeinsam weiterkommen.

Roland Koch, Direktor des Frankfurt Competence Center for German and Global Regulation (FCCR) und ehemaliger Hessischer Ministerpräsident erinnerte, dass kluge Regulierung nicht alles regeln und vorausahnen kann – aber den Irrtum einplanen muss. Foto: Eda Temucin/VATM
Am Nachmittag ergänzte Roland Koch, Direktor des Frankfurt Competence Center for German and Global Regulation (FCCR) und ehemaliger Hessischer Ministerpräsident, die Perspektive aus der Regulierungspolitik. Koch formulierte zwei Kernforderungen: Erstens braucht der Markt ein verbindliches Signal zur Kupfernetz-Abschaltung, damit Glasfaserinvestments endlich Planungssicherheit bekommen. Zweitens müssen Preismodelle und Zugangsbedingungen so gestaltet werden, dass Marktneueinsteigende wirtschaftlich agieren können. Anbieterdiversität ist für Koch keine ideologische Forderung, sondern eine funktionale Notwendigkeit – und der Regulierer, so sein Fazit, muss den Spagat schaffen zwischen Investitionsschutz und offenem Marktzugang.
Der erste VATM Business X-Change hat gezeigt, dass das Argument für offene Infrastrukturen und echten Wettbewerb nicht abstrakt bleiben muss. Aus unserer Sicht hat Sinemus den politischen Anspruch formuliert, Koch die Spielregeln benannt, Schumann den strukturellen Ansatz von Plusnet erläutert – und byon mit Gewobag gezeigt, was entsteht, wenn dieser Ansatz in konkreten Projekten ankommt: Ausfallsicherheit, Servicequalität und der Raum, mit KI-gestützten Diensten weiterzuentwickeln. Für Plusnet war Frankfurt ein Signal nach außen – und gleichzeitig ein Auftrag, das begonnene Ökosystem konsequent weiterzubauen.