SD-WAN (III): Welcher Anbieter ist der richtige?

Auf dem boomenden Markt für SD-WAN tummeln sich viele verschiedene Anbieter: Klassische Technologie-Hersteller, SD-WAN-Start-ups, Systemintegratoren, Managed Services Provider und Communications Service Provider wetteifern um die Gunst der Unternehmen. Die Kunden müssen bei ihrer Entscheidung bedenken, ob ein Enterprise SD-WAN in Eigenregie oder ein gemanagtes SD-WAN ihnen mehr nützt. Dritter und letzter Teil unserer Serie über SD-WAN.

Auf dem SD-WAN-Markt tummeln sich viele Anbieter mit sehr unterschiedlichen Lösungen
Auf dem SD-WAN-Markt tummeln sich viele Anbieter mit sehr unterschiedlichen Lösungen. Die Wahl sollte gut überlegt werden. Bild: © TommL / Getty Images

SD-WAN hat die Nische verlassen und ist auf dem Weg in den Mainstream. Einer Studie von Frost & Sullivan zufolge betrachten 85 Prozent der weltweit befragten Unternehmen SD-WAN als Treiber für ihre Geschäftsentwicklung und für die Verbesserung der Kundenerfahrung. 33 Prozent geben an, bereits eine SD-WAN-Lösung eingeführt zu haben oder befinden sich im Rollout, 61 Prozent planen die Einführung innerhalb der nächsten zwei Jahre.


Bunte Anbieterlandschaft

Anbieter, um diese Nachfrage zu befriedigen, gibt es reichlich. Dabei gilt es zu unterscheiden:

  • Technologie-Hersteller: Sehr aktiv sind etwa Technologie-Hersteller wie Cisco, Juniper, Citrix, Riverbed oder VMWare, die Hard- und Software für die Netzwerkausrüstung verkaufen. So vermarktet Cisco als klassischer Hardware-Lieferant seine Produkte sowie Overlay-Lösungen und erweitert stetig sein SD-WAN-Portfolio, unter anderem durch den Erwerb des Softwareanbieters Viptela.
  • SD-WAN-Start-ups: Zur Marktkonkurrenz zählen auch SD-WAN-Start-ups und spezialisierte Anbieter wie etwa Aryaka, die über einen eigenen Backbone und dedizierte Zugangspunkte verfügen. Das in Kalifornien ansässige Unternehmen legt seinen Fokus ausschließlich auf softwaredefinierte Netzwerkkonnektivität und Anwendungsbereitstellung.
  • Systemintegratoren: Außerdem bieten Systemintegratoren wie Atos, IBM oder Wipro und Systemhäuser gemanagte SD-WAN-Lösungen ihrer Partner an. Sie können im Rahmen von Lizenzmodellen SD-WAN-Komponenten aus der Cloud ihrer Partner verwenden. Unternehmen, die beispielsweise Firewalls, Gateways und WAN-Optimierungssysteme als virtualisierte Netzwerkfunktionen (VNF) auf beliebiger Hardware bereitstellen wollen, nutzen laut einer Ovum-Studie auch Systemintegratoren als Anbieter.
  • Service Provider: Last but not least stellen Managed Service Provider (MSP) beziehungsweise Communications Service Provider (CSP) eine beträchtliche Anbietergruppe, die internationale Netzbetreiber, nationale Carrier und MPLS-Provider mit jeweils eigenen Netzen umfasst. Diese bieten als Dienstleister meist ein umfassendes Paket an, das neben SD-WAN als gemanagtem Ende-zu-Ende-Dienst Hardware, Access und Betrieb enthält.

Marktbereinigung reduziert die Anzahl der SD-WAN-Hersteller

Aktuell bevölkern zahlreiche SD-WAN-Anbieter den Markt. Doch es ist absehbar, dass sich ihre Zahl im Zuge von Aufkäufen reduzieren wird. Nach den Übernahmen von Velocloud durch VMWare und von Viptela durch Cisco hat zuletzt Oracle Talari Network gekauft. Infolge der Viptela-Übernahme entwickelt Cisco seine bestehende SD-WAN-Lösung IWAN nicht mehr weiter.

Abgeschlossen ist die Marktbereinigung noch nicht – das sollten Unternehmen, die SD-WAN einführen wollen, stets im Hinterkopf behalten.


Wann eine Enterprise-Lösung sinnvoll ist

Wer sich für ein Enterprise SD-WAN eines Technologieherstellers oder SD-WAN-Anbieters entscheidet, kauft nicht nur Hard- und Software zur Netzwerkausrüstung (Customer Premises Equipment, CPE). Er muss auch Implementierung, Administration und Betrieb der SD-WAN-Lösung weitestgehend selbst stemmen.

Ein solcher Do-It-Yourself-Ansatz (DIY SD-WAN) gilt jedoch als anspruchsvoll: „Viele Unternehmen haben nur eine unzureichende Vorstellung davon, welche Vorteile ihnen ein Managed-SD-WAN-Service bringen kann.

Das gilt auch für Anwender, die bereits auf eigene Faust Feldversuche mit SD-WAN gestartet haben, um sich auf diese Weise einen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen. Etliche von ihnen haben die Erfahrung gemacht, dass ein SD-WAN mehr Wartung und technischen Support benötigt, als die hauseigene IT-Abteilung bereitstellen kann“, schreibt Ovum-Analyst Mike Sapien.

Unternehmen sollten daher genau prüfen, ob sie das Management einer SD-WAN-Infrastruktur sowie die kontinuierliche Überwachung und Analyse des Netzwerks mit eigenen personellen Ressourcen abdecken können.

SD-WAN bildet ein Bindeglied zwischen Netzwerk-Infrastruktur und IT-Applikationen und erfordert Wissen aus beiden „Welten“. Daher kommt ein vollständiger DIY-Ansatz in der Regel nur für Großunternehmen infrage, die sowohl in ihrer Zentrale als auch an nationalen und internationalen Niederlassungen über ausreichend Personal mit IT- und TK-Know-how verfügen.


Die Alternative zu DIY: Das SD-WAN managen lassen

Mittelständischen Unternehmen ist eher die Wahl eines Service Providers anzuraten. Auf diese Weise werden weder interne Kapazitäten gebunden noch personelle Verstärkungen notwendig, um zusätzliche IT-Kompetenzen aufzubauen.

Unternehmen, die mit dem MPLS-Netz ihres MSP/CSP gute Erfahrungen gemacht haben, werden tendenziell über diesen auch eine SD-WAN-Lösung beziehen – und MPLS als Underlay-Netz weiternutzen. Auch bei einer gemanagten SD-WAN-Lösung können Unternehmen weiterhin mithilfe eines Self-Service-Portals beziehungsweise einer „Single Pane of Glass“ den Überblick über ihr Netz behalten, Monitoring betreiben und Daten analysieren (siehe auch Beitrag Netzwerkmanagement: Welche Potentiale hat SD-WAN?).

In der Regel ist es sinnvoll, dass der Anbieter eines Managed SD-WAN seinen Kunden als MSP/CSP auch den Access liefert. Wenn sich etwa die Qualität einer Leitung verschlechtert und eine entsprechende Warnmeldung angezeigt wird, ist es vorteilhaft, über einen MSP/CSP zu verfügen, dessen Network Operation Center (NOC) rund um die Uhr arbeitet und Warnmeldungen direkt auswertet.

Andernfalls müssten Unternehmen diese und andere Aufgaben eigenen Mitarbeitern zusätzlich zu deren eigentlichen Tätigkeiten übertragen – was in der Regel weiteren Aufwand für Schulungen mit sich bringen würde, um die entsprechenden IT- und TK-Skills zu vermitteln. Meist fahren Unternehmen besser damit, das IT- und TK-Know-how der Service-Provider zu nutzen.


Was bieten die gemanagten SD-WAN-Lösungen der Service Provider?

SD-WAN-Lösungen von Service Providern sind in der Regel sofort verfügbar – auch für eine kleine Installationsbasis – und erfordern keine hohen Investitionen (Capex) seitens der Kunden.

MSP/CSP sind in der Lage, durch Multi-Tenant-Infrastrukturkomponenten wie mandantenfähige Controller, Interconnect-Gateways zu Multi-Cloud-Anbindungen und Firewalls Skaleneffekte zu erzielen und damit Kostenvorteile für ihre Endkunden zu erzeugen. Zudem können Service Provider auch bei der Migration und dem Mischbetrieb von SD-WAN- und MPLS-Standorten Komponenten und Know-how einbringen.

Ein MSP/CSP bietet Unternehmen oft die Möglichkeit, sich des kompletten WAN- und Multi-Provider-Managements zu entledigen. Angesichts der Vielzahl an lokalen Access-Anbietern ist es für Unternehmen schwierig, sich eine Übersicht zu verschaffen.

Allein auf der nationalen Ebene konkurrieren mehr als 60 VDSL-Zugangsanbieter am Markt, die alle unterschiedliche Prozesse für Bestellung, Change-Management und Entstörung erfordern und dementsprechend gesteuert werden müssen. Diesen Aufwand kann ein MSP/CSP abnehmen – und den Unternehmen so den Vorteil einer einzigen Schnittstelle bieten, mit einem dedizierten Ansprechpartner für alle Fragen des Carrier-Managements.

Gleichzeitig befreien Service Provider die Unternehmen damit von der Angst vor dem „Vendor-Lock-In“ und der Sorge, auf das falsche Pferd zu setzen: Sie brauchen dann nicht befürchten, dass sie in die Lösung eines Technologieherstellers oder SD-WAN-Anbieters investieren, der die Marktbereinigung nicht übersteht.

Geht dem MSP/CSP ein SD-WAN-Partner verloren, ist es seine Aufgabe, für Ersatz zu sorgen und beim Kunden eine neue SD-WAN-Lösung aufzusetzen. Ebenso sollte ein MSP/CSP in der Lage sein, bestehende SD-WAN-Lösungen weiterzuentwickeln. Kundenanforderungen können sich im Zuge der Digitalisierung rasch ändern – dann sind konkrete Problemlösungen gefragt.


Umfassende Unterstützung durch Marktwissen, Best Practice und Projekt-Support

Ohnehin sollte ein Service Provider interessierte Unternehmen mit Informationen über die unterschiedlichen Lösungen auf dem Markt versorgen und ihnen so dabei helfen, eine Schneise durch das SD-WAN-Dickicht zu schlagen.

Es ist sehr hilfreich, Unternehmen hierbei die „Technologiebrille“ abzunehmen ‐ wichtiger ist es, konkrete Anforderungen auf Applikationsseite zu formulieren, um auf dieser Basis eine passende Lösung auszuwählen.

Auch Anwendungsbeispiele, Referenzen und Best Practices von gemanagten SD-WAN-Diensten sind Unterstützungsleistungen, mit denen Provider bei Unternehmen punkten können: Ihr gesammeltes Wissen über Weitverkehrsnetze, softwarebasierte Netzwerktechniken und die zugehörigen Services erleichtert Unternehmen die Entscheidungsfindung. Darüber hinaus sollten MSP/CSP auch praktische Unterstützung leisten, etwa bei Testinstallationen und Pilotprojekten sowie der späteren Überführung in den Produktivbetrieb.


Fazit und abschließende Empfehlungen

Wer SD-WAN in seinem Unternehmen einführen möchte, sollte Zeit mitbringen. Zum einen, um den lebhaften Anbieter- und Herstellermarkt zu sondieren ‐ zum anderen, um das eigene Netzwerk im Hinblick darauf zu analysieren, wie es die Applikationen und den Kommunikationsbedarf des Unternehmens noch besser unterstützen kann. Hierfür gibt es keine Standardprozedur. Das Thema SD-WAN ist und bleibt beratungsintensiv.

Gleichwohl lässt sich festhalten, dass ein Enterprise SD-WAN im Eigenbetrieb grundsätzlich eher für Großunternehmen mit versierten eigenen IT- und TK-Teams infrage kommt, während für mittelständische Unternehmen gemanagte Lösungen besser geeignet sind. Um SD-WAN kennenzulernen, empfiehlt sich ein niederschwelliger Einstieg mit Testbetrieb (Proof of Concept, POC).

Für einen solchen Feldtest kommen etwa ausgewählte Niederlassungen infrage, an denen eine SD-WAN-Box zu Testzwecken betrieben wird. Das Unternehmen sollte vorab Umfang, Ziele und Inhalte des POC definieren sowie Erfolgs- und Exit-Kriterien beschreiben. Nur so kann es beurteilen, ob ein POC als erfolgreich bewertet werden kann.

Nichtsdestotrotz müssen Unternehmen den SD-WAN-Markt weiter beobachten. Konsolidierungen und Bereinigungen sind unvermeidlich ‐ einige Lösungen werden keinen Support und Service mehr erhalten oder gar ganz vom Markt verschwinden. Um die damit verbundenen Risiken so gering wie möglich zu halten, empfiehlt es sich, die SD-WAN-Lösung eines Service Providers zu nutzen, die Unternehmen zudem hilft, Kosten und Managementaufwand zu reduzieren.

SD-WAN ist keine eierlegende Wollmilchsau, aber ein sehr nützliches Instrument des Netzwerkmanagements, um Applikationsbetrieb und Datenkommunikation zu optimieren. Als praktischste Lösung wird sich in den meisten Unternehmen ein Hybrid-WAN mit Weiternutzung eines bestehenden MPLS-Netzes erweisen, das die Anforderungen an Performance und Sicherheit bestmöglich miteinander verheiratet. Lassen Unternehmen ihre Lösung von einem Service Provider managen, dem Access- und Carrier-Management in Verbindung mit Hybrid-SD-WAN sozusagen in seine DNA eingeschrieben ist, erhalten sie praktisch ein Rundum-Sorglos-Paket.


Autor des Beitrags: Rüdiger Michl

Rüdiger Michl. Bild: © Privat.
Rüdiger Michl. Bild: © Privat.

Rüdiger Michl (Jg. 1974) ist als Technischer Architekt bei der Plusnet GmbH dafür verantwortlich, neue Technologien und Konzepte zu entwickeln. Sein Schwerpunkt liegt auf den Themen Richtfunk bis 10 Gbit/s und Carrier Ethernet. Er verantwortet außerdem die technologische Weiterentwicklung des deutschlandweiten WLL-Netzes von Plusnet.

Seine Karriere startete Rüdiger Michl 2005 nach seinem Studium der Elektro- und Nachrichtentechnik (TU Braunschweig und RWTH Aachen) bei der Broadnet AG. Dort war er Network Engineer in der Abteilung Core, die für das Netzdesign zuständig war.

Als der Internet Service Provider 2007 von der QSC AG übernommen wurde, setzte der Ingenieur seine Tätigkeit unter dem neuen Dach fort. Er blieb dem Unternehmen auch treu, als die QSC AG ihre Telekommunikationssparte in die Plusnet GmbH auslagerte und diese Tochterfirma im Sommer 2019 an EnBW verkaufte. Seine jetzige Tätigkeit als Technischer Architekt begann er 2015. Rüdiger Michl lebt und arbeitet in Hamburg. Er ist Sporttaucher und taucht auch gerne in heimischen Gewässern.


Die komplette Artikel-Serie über SD-WAN: